HeRaS Verlag

 

 

 

Fritz Leverenz  

wurde 1941 in Berlin geboren, wuchs auf in Birkenwerder, erlernte nach der Grundschule in der Eisengießerei Birkenwerder Former.

1959 bis 1963 war er Koch und Küchenleiter bei der NVA, 1963 bis 1968 legte er das Fachabitur an der ABF Potsdam ab, studierte anschließend(Sport und Geschichte) an der Pädagogischen Hochschule Potsdam.

1968 bis 1982 arbeitete er als Lehrer in Köpenick. 1982 gab er den Lehrerberuf wegen ideologischer Gängelei auf, begann zu schreiben und arbeitete von 1982 bis 1994 als Erzieher in einem Jugendwohnheim für sozial gefährdete Jugendliche in Berlin und von 1994, nach Auflösung des Heimes, bis 2005 als Erzieher an einer Sprachheilschule in Berlin-Friedrichshagen.

Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

Bei uns erschienen

 

 

Den hellen Morgen über beruhigte sich die Vogelwelt des Gartens und kehrte allmählich zu ihren lang vermissten Gesangsübungen zurück. Man sprach von dem überraschenden Verhalten des Grauen Katers. Dieser lag unter einer Kiefer in der Sonne und leckte sein Fell.

Sikesö kroch in der Nähe zwischen Tomatenstauden und tröstete ihren Freund. „Ohne dich, mein Graues Katerchen, wäre Coupi heute die traurigste Grasmücke der Welt. Wie fühlst du dich...“

Das Graue Katerchen war überzogen von blutigen Striemen, und sein linkes Ohr hing eingerissen über dem Auge. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sich richtig geprügelt. Er dachte darüber nach, wie er sich fühlte. Und er fand sich müde, wie zerschlagen – und recht zufrieden. „Ja, wie soll ich es dir sagen: Die Prügelei hat mir gut getan.“

 

   Fritz Leverenz erzählt von Schicksalen während und nach der deutschen Teilung. Und von dem Einfluss, den Politik auf den Alltag der Menschen hat.

 Manfred wirkte erschöpft. Seine Jochbeine traten hervor, die Nase schien spitzer als sonst und seine bräunliche Haut gelb. Die Anspannungen von dreieinhalb Jahren Wartezeit lagen hinter ihm und seiner Familie. Die ersten Wochen damals mit dem gewollt auffällig geparkten dunkelblauen Lada vor dem Haus, in dem zwei, manchmal drei junge Männer vom Staatssicherheitsdienst vier, fünf Stunden ihrer Zeit absaßen; die häufigen Vorladungen in den Rat des Stadtbezirks, Abteilung Inneres, die hinhaltenden, nichtssagenden Gespräche dort, die stereotypen Fragen eines Mitarbeiters vom Zettel gelesen; die Befragungen auch seines achtjährigen Sohnes (immerhin in ihrer Gegenwart), was er von den Ausreiseplänen seiner Eltern halte" Ob er nicht lieber in der "Sicherheit unseres sozialistischen Staates" bleiben wolle?

  

 

  Mir geht es in den Erzählungen nicht um die simple Anpassung, die so gern undifferenziert und oberflächlich, als willfährig und widerstandslos ergeben gedeutet wird - (auf der einen Seite die Willfährigen, Bleibenden, auf der anderen Seite die mutigen Ausreisenden und die mutigsten Mauerüberwinder.) Diese beiden Darstellungen interpretieren am Leben vorbei, erklären weder den DDR-Alltag, noch den weitgehend gewaltlosen Umsturz. Deshalb ja meine Notizen seit vierzig Jahren, deshalb meine kurzen und hoffentlich nicht zu schlecht erzählten Texte, in denen ich zeigen möchte, dass die sogenannte "Anpassung" bei den allermeisten Menschen in der DDR ein oft stiller Widerstand in unzähligen, scheinbar nebensächlichen Alltäglichkeiten gewesen war, der in der Summe mit der Opferbereitschaft der Flüchtlinge und der Ausreisenden letztendlich zu der relativ stillen, und größtenteils friedlich verlaufenden Maueröffnung geführt hatte. Und diese Allermeisten haben es verdient, gerecht beurteilt und in der Deutung der DDR-Geschichte nicht unterschlagen zu werden. Im Interesse eines gesunden Nebeneinander in Deutschland dürfen wir die einen nicht gegen die anderen aufwiegen und schon gar nicht ausspielen. Vielleicht ist das schwer zu vermitteln: aber der Unterton (nicht ihr lautes ideologisches Getöse) der vierzig Jahre DDR (über dessen Ursprung zu reden, sicherlich Nützliches zum Werdegang der DDR zutage brächte) war, wie ihr Ende zeigt, eher sanft.

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